Nachrichten > Erste Langzeitergebnisse zur CAR-T-Zelltherapie bei Myasthenia gravis veröffentlicht
(v.l.) Prof. Dr. Roland Schroers, Leiter der Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Stammzell-/Immuntherapie bei den Knappschaft Kliniken Universitätsklinikum Bochum, Prof. Dr. Ralf Gold, Klinikdirektor, und Prof. Dr. Jeremias Motte, Geschäftsführender Oberarzt der Universitätsklinik für Neurologie am St. Josef-Hospital Bochum.

Erste Langzeitergebnisse zur CAR-T-Zelltherapie bei Myasthenia gravis veröffentlicht

Vor fast drei Jahren sorgten erste Behandlungsergebnisse mit sogenannten CAR-T-Zellen bei schwer an Myasthenia gravis erkrankten Patientinnen und Patienten für große Aufmerksamkeit. Einige von ihnen hatten zuvor trotz intensiver Therapien erhebliche Einschränkungen im Alltag. Nach der einmaligen Behandlung mit gentechnisch veränderten körpereigenen Immunzellen verbesserte sich ihr Zustand zum Teil deutlich.

Die ersten Ergebnisse dieser individuellen Behandlungen an den Forschungsstandorten Bochum und Magdeburg wurden 2023 in der international renommierten Fachzeitschrift The Lancet Neurology veröffentlicht. Nun folgt ein weiterer wichtiger Schritt: Erstmals liegen Langzeitergebnisse über einen Zeitraum von rund drei Jahren vor. Sie zeigen, dass die positiven Effekte der CAR-T-Zelltherapie bei den untersuchten Patientinnen und Patienten langfristig anhalten können. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift Cell Reports Medicine veröffentlicht.

Die Bochumer Universitätsneurologie am St. Josef-Hospital hat die Entwicklung und Anwendung der CAR-T-Zelltherapie bei neurologischen Autoimmunerkrankungen von Beginn an maßgeblich mit vorangetrieben. Entscheidend war dabei die enge Zusammenarbeit über Fach- und Standortgrenzen hinweg. Diese Vernetzung prägt auch die aktuelle Veröffentlichung: Beteiligt sind unter anderem die Wissenschaftler um Prof. Dr. Ralf Gold, Klinikdirektor und Prof. Dr. Jeremias Motte, Geschäftsführender Oberarzt der Universitätsklinik für Neurologie am St. Josef-Hospital Bochum, Prof. Dr. Roland Schroers, Leiter der Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Stammzell-/Immuntherapie bei den Knappschaft Kliniken Universitätsklinikum Bochum, sowie Prof. Dr. Aiden Haghikia, Direktor der Klinik für Neurologie der Medizinischen Hochschule Hannover.

„Mit den jetzt vorliegenden Daten können wir erstmals über einen längeren Zeitraum beobachten, wie sich die Patientinnen und Patienten nach der CAR-T-Zelltherapie entwickeln“, sagt Prof. Dr. Jeremias Motte. „Das ist für uns ein wichtiger Meilenstein. Wir sehen, dass die einmalige Behandlung bei den untersuchten Patientinnen und Patienten eine anhaltende Wirkung zeigen kann und die Krankheitsaktivität über einen langen Zeitraum deutlich zurückgegangen ist.“

Auch mit Blick auf die Sicherheit liefern die Langzeitdaten wichtige Erkenntnisse. Die im Zusammenhang mit der Behandlung beobachteten Nebenwirkungen waren vorübergehend und beherrschbar. Die Forschenden sehen zudem Hinweise darauf, dass die Therapie das fehlgeleitete Immunsystem nachhaltig verändern und damit einen längerfristigen immunologischen „Neustart“ ermöglichen könnte.
Bei der Myasthenia gravis richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen, die für die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln wichtig sind. Die Folge ist eine zum Teil schwere Muskelschwäche, mit Schluckstörungen und Luftnot. Bei der CAR-T-Zelltherapie werden körpereigene Immunzellen gentechnisch so verändert, dass sie gezielt bestimmte B-Zellen erkennen und beseitigen können, die an der Entstehung der krankmachenden Antikörper beteiligt sind. Für die ersten Behandlungen arbeiteten die beteiligten Einrichtungen in Bochum und Magdeburg eng mit dem Biomedizin-Unternehmen Kyverna aus den USA zusammen.

Wie deutlich die Veränderung nach der Therapie sein kann, zeigten bereits die ersten in Bochum behandelten Patientinnen und Patienten. Vor der CAR-T-Zelltherapie waren sie teilweise auf einen Elektrorollstuhl angewiesen, konnten nur kurze Strecken zu Fuß zurücklegen oder brauchten eine künstliche Ernährung aufgrund der Schluckstörung. Bereits wenige Wochen nach der Behandlung konnten sie ohne Hilfsmittel gehen, wieder Fahrrad fahren oder schwere körperliche Arbeit verrichten. Die nun veröffentlichten Langzeitdaten geben diesem frühen Behandlungserfolg eine neue wissenschaftliche Perspektive. Sie zeigen erstmals, dass die Wirkung bei vielen untersuchten Patientinnen und Patienten auch Jahre nach der einmaligen Therapie fortbestehen kann. Zugleich bilden die Ergebnisse eine wichtige Grundlage für die weitere Erforschung der CAR-T-Zelltherapie bei schweren neurologischen Autoimmunerkrankungen. „Was mit einzelnen Behandlungen begonnen hat, entwickelt sich durch die enge Zusammenarbeit vieler Spezialistinnen und Spezialisten Schritt für Schritt weiter“, sagt Prof. Dr. Ralf Gold. „Die Langzeitdaten sind deshalb nicht nur für unsere Patientinnen und Patienten von großer Bedeutung. Sie helfen uns auch, das Potenzial dieser Therapie immer besser zu verstehen und ihren weiteren Einsatz wissenschaftlich fundiert zu untersuchen.“