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Winzige Löcher dienen dem Neurochirurgen als Zugang in den Schädel. © RUB, Kramer

Wenn im Gehirn die Sicherung durchbrennt

Spezialisten finden heraus, was hinter Anfallserkrankungen steckt. Und sie beseitigen in schweren Fällen die Ursache.

Anfallserkrankungen können für Betroffene eine große Belastung sein: Sie beeinträchtigen den Alltag und das Sozialleben, schränken im Beruf ein und bedingen meistens, dass Patientinnen und Patienten nicht Auto fahren dürfen. Da Anfälle sehr unterschiedlich aussehen und auch verschiedene Ursachen haben können, ist es nicht immer einfach, sie zu erkennen und zu behandeln.

„Wenn ein Betroffener wegen seiner Anfälle beim Hausarzt ist, findet ja meistens gerade kein Anfall statt, und der Arzt kann nur aufgrund der Beschreibung Vermutungen anstellen und Therapieversuche unternehmen“, sagt Johannes Jungilligens, Psychologe in der Ruhr-Epileptologie im RUB-Klinikum Knappschaftskrankenhaus.

Wenn Anfälle durch die übliche Behandlung mit Medikamenten nicht nachlassen, kommen die Patientinnen und Patienten hierher. „Unser Aufgabe ist es dann, herauszufinden, was der Grund für die Anfälle ist“, so Jungilligens. „Haben wir ihn herausgefunden, können wir dem behandelnden Arzt oder der Ärztin Hinweise für die Behandlung geben oder in schwierigeren Fällen auch hier behandeln.“

24-Stunden-Überwachung

Um herauszufinden, was die Anfälle auslöst, wird jeder Patient genau untersucht. Zum einen kommen bildgebende Methoden wie die Kernspintomografie zum Einsatz, zum anderen neuropsychologische Tests. „Die Symptome können uns Hinweise darauf geben, wo im Gehirn die Ursache für die Krankheit liegt. Sprachstörungen, Orientierungsprobleme oder Gedächtnisschwierigkeiten sind Indizien, dass das dafür zuständige Hirnareal betroffen ist“, erklärt der Neuropsychologe.

„Wir können uns das Gehirn als einen Sicherungskasten vorstellen“, vergleicht Prof. Dr. Jörg Wellmer, der Direktor der Ruhr-Epileptologie. „Wenn es in der Küche dunkel ist, weiß der Elektriker, welche Sicherung im Kasten herausgesprungen ist. Deswegen schauen wir uns die Anfälle und ihren Verlauf genau an, um Rückschlüsse auf den Ort des Ursprungs zu ziehen.“
Elektroden im Gehirn

Noch genauere Einblicke in diese Prozesse im Gehirn gewinnen die Spezialisten in schwierigen Fällen durch die Implantation von Elektroden direkt ins Gehirn der Patienten. Sie messen ständig die Aktivität der dortigen Nervenzellen. Zusätzlich wird ein klassisches EEG von der Kopfoberfläche abgeleitet und die Patienten im Schnitt zehn Tage lang rund um die Uhr überwacht. „Wenn sie dann einen Anfall haben, können wir ganz genau sehen, was passiert“, sagt Johannes Jungilligens. „Und es sprintet sofort ein Mitarbeiter los, um während des Anfalls eine Testung durchzuführen, die weitere Hinweise auf die Beeinträchtigungen gibt.“

Epilepsie

Rund 0,8 Prozent der Bevölkerung leidet an Epilepsie, die viele Ursachen haben kann: Mal liegt der Grund schon in der Gehirnentwicklung im Mutterleib, mal sind Unfälle mit Schädel-Hirn-Trauma, Entzündungen oder Schlaganfälle der Anfang. Die Ruhr-Epileptologie behandelt daher Patientinnen und Patienten jeden Alters. Die Epilepsie kann sich durch Bewusstlosigkeit und Zittern äußern, muss sie aber nicht. Auch Wortfindungsstörungen oder andere kognitive Ausfallerscheinungen können Anzeichen sein.

Lässt sich die Erkrankung durch Medikamente nicht ausreichend behandeln und haben die Patienten einen starken Leidensdruck, kommen auch chirurgische Verfahren für die Therapie infrage. Wenn die betroffene Gehirnregion in leicht zugänglichen oberflächlichen Bereichen liegt, wird klassisch operiert: Nach sorgfältiger Planung wird der Schädelknochen geöffnet und das betroffene Gehirngewebe herausgeschnitten.

Operation durch ein Zwei-Millimeter-Loch

Eine Bochumer Besonderheit ist das Angebot minimalinvasiver Epilepsiechirurgie, die Eingriffe auch dann ermöglicht, wenn der Ursprung der Epilepsie in schwer zugänglichen, weiter innen gelegenen Hirnbereichen liegt. „Dabei machen wir einen nur fünf Millimeter kleinen Schnitt und bohren ein zwei Millimeter kleines Loch in den Schädel“, beschreibt der Neurochirurg Dr. Yaroslav Parpaley. Unter Umgehung von Blutgefäßen wird dann eine kleine Elektrode zum betroffenen Bereich vorgeschoben. Sie kann sowohl die Hirnaktivität vor Ort messen als auch Nervenzellen stimulieren und dafür genutzt werden, Gehirngewebe durch Erhitzen zu veröden.

Eine Perlenkette aneinanderreihen

„Das muss man sich so vorstellen, dass kugelförmig rund um die Spitze der Elektrode ein erbsengroßer Bereich des Gewebes abgetötet wird“, so Parpaley. Um genau das betroffene Areal stillzulegen und nicht mehr oder weniger, setzt er diese kugelförmigen Bereiche wie eine Perlenkette aneinander. Mitunter sind die Patienten unter der Narkose kontrolliert so wach, dass sie ansprechbar sind. So können die Ärzte direkt während des Eingriffs prüfen, ob auch keine wichtigen Hirnfunktionen beeinträchtigt werden.
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„Solche Eingriffe sind nur in speziellen Fällen nötig“, sagt Parpaley. 18 Patientinnen und Patienten wurden in den vergangenen fünf Jahren in Bochum so behandelt. Nur zwei weitere Kliniken in Deutschland bieten die Behandlungsmethode an. Um sie weiter zu verfeinern, arbeitet der Chirurg in einer Studie mit einem Medizintechnikhersteller daran, die Auswirkungen der Erhitzung der Elektrode vor einem Eingriff noch genauer zu simulieren.

In manchen Fällen stellt sich schon früher in der Diagnostik auch heraus, dass das Anfallsleiden überhaupt nichts mit Epilepsie zu tun hat. „Es können auch Kreislaufprobleme dahinterstecken oder psychogene Anfälle sein“, sagt Johannes Jungilligens. Auf letztere hat er sich spezialisiert.

Psychische Erkrankungen und physiologische Veränderungen

„Die Betroffenen haben häufig viele psychische Belastungsfaktoren“, berichtet er. Vielen von ihnen ist gemein, dass sie Emotionen bei anderen und sich selbst schlecht einschätzen und ihre eigenen Gefühle schlecht kontrollieren können. Eine aktuelle Studie hat belegt, dass die Verbindungsdichte bestimmter Nervenfasern im Gehirn bei diesen Patienten verändert ist. „Dabei gibt es Ähnlichkeiten mit langjährig psychisch erkrankten Patienten. Das weist darauf hin, dass psychische Veränderungen physiologische Veränderungen nach sich ziehen können – und umgekehrt“, sagt der Psychologe.