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Neue Impfung hilft auch Hirnhautentzündungen zu vermeiden

3. September 2013 in Kliniken, Wissenschaft

PneumokokkenPneumonie
Lungenentzündungen sind unverändert eine Gefahr. Diese Infektion – medizinisch: Pneumonie – „holt“ man sich nicht nur am Ende des Lebens oder im Krankenhaus, wenn bereits andere schwere Erkrankungen den Organismus belasten und die Abwehr schwächen. „Eine Pneumonie“, erklärt Prof. Dr. Santiago Ewig, „kann jeden Menschen auch im ganz normalen Alltag betreffen.“

Diese ambulant erworbenen Lungenentzündungen, so der Fachbegriff, sind – bei drei bis fünf Fällen pro Tausend – etwa so häufig wie Herzinfarkte, die das Krankenhaus erreichen. Rund die Hälfte der Erkrankungen wird von Pneumokokken verursacht. Solche Pneumonien treten vermehrt ab einem Alter von 50 Jahren auf – und bei Menschen, die bereits unter Grunderkrankungen leiden,. Ein besonderes Risiko haben dabei Patienten mit Herz- und Kreislauferkrankungen. Sowohl, eine Pneumonie zu erwerben, als auch an dieser zu versterben.

Die Krankenhaus-Sterblichkeit ist mit zehn bis 12 Prozent unverändert sehr hoch. „Eine neue Impfung sorgt für frühzeitigen Schutz“, erklärt Prof. Ewig, Chefarzt im Thoraxzentrum Ruhrgebiet und der Klinik für Pneumologie, Beatmungsmedizin und Infektiologie an der Augusta-Kranken-Anstalt in Bochum.

„Bisher sind nur jeweils 10 Prozent der Personen über 60 Jahre und der Risikopersonen gegen Pneumokokken geimpft“, warnt Prof. Ewig. „Deshalb ist es wichtig, diese Impfung im Bewusstsein der Menschen zu verankern, denn medizinische Laien wissen praktisch nichts über diese Erkrankung und ihre Häufigkeit.“

Die neue Impfung ist deshalb hocheffektiv, weil sie ein neues Prinzip zur Anwendung bringt, nämlich die Kopplung des Oberflächenstoffs der Pneumokokken-Wand an ein Protein, so dass eine viel stärkere und nachhaltige Immunantwort entsteht. In der Folge erfolgt bei erneutem Kontakt des Körpers mit dem Bakterium eine rasche Immunantwort, sowohl im Blut als auch an der Schleimhautoberfläche.

Man hat bei Kindern mit der Impfung begonnen und dort die Erkrankungshäufigkeit um 90 Prozent (!) reduziert, somit die schweren Pneumokokken-Erkrankungen (z.B. Pneumonien und Hirnhautentzündungen) bei Kindern zu Seltenheiten gemacht. „Gleichzeitig hat man damit erreicht“, so Prof. Ewig, „dass weniger Erwachsene sich bei den Kindern anstecken können .“ Die Immunisierung bei Kindern ist in Deutschland seit 2006 Standard. In den USA hatte man die große Schlagkraft der Impfung schon fünf Jahre früher erkannt. Nebenwirkungen, so Prof. Ewig, seien zu vernachlässigen. „Es gibt zuweilen Rötungen bzw. Schwellungen als Reaktion an der Einstichstelle.“ Dafür sei eine einzige Impfung ausreichend, um das Risiko einer Lungenentzündung deutlich zu verringern.

Info:

Für die Zukunft prognostiziert Prof. Ewig eine Verschärfung der Problemlage. „Hochgerechnet auf den wachsenden Anteil älterer Menschen muss man in den Krankenhäusern mit 30.000 (bis 2030) bzw. 60.000 (bis2050) zusätzlichen Fällen rechnen.“ Aktuell erkranken jährlich stationär ca. 210,000 Menschen, gut 40.000 sterben. Die Zahl der ambulanten Erkrankungen schätzt Prof. Ewig etwa genauso groß ein, die Sterberate liegt allerdings unter 1%.

Prof. Ewig ist international ausgewiesener Pneumonie-Forscher, Autor mehrerer nationaler und internationaler Leitlinien zum Thema und Mitglied der BQS-bzw. Aqua-Fachgruppe Pneumonie in der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS). Dort wurden seit 2005 alle Fälle aus deutschen Krankenhäusern (bislang mehr als 1.000.000 Fälle) dokumentiert und ausgewertet.