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Herzschwäche: Das erste Projekt des neuen Versorgernetzes Bochum nimmt Form an

9. Juli 2013 in Kliniken, Veranstaltungen, Wissenschaft

Auftaktveranstaltung mit Birgit Fischer bringt viele Akteure des Gesundheitswesens zusammen

(von links): Helmut Hildebrandt (Vorstand OptiMedis AG), Detlef Friedrich (Geschäftsführer der Contec GmbH), Dr. med. Michael Tenholt (1. Vorsitzender des Medizinischen Qualitätsnetzes Bochum), Moderatorin Birgit Fischer (Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller vfa), Dr. Eckhard Kampe (Leiter der Bezirksstelle Bochum / Hagen der KVWL), Johannes Peuling (Leiter der medlands Ruhr), Dr. Christian Möcklinghoff (2. Vorsitzender des Medizinischen Qualitätsnetzes Bochum), Prof. Dr. Richard Viebahn (Ärzlicher Direktor am KK Bochum).

In Bochum soll ein neuartiges Gesundheitsnetzwerk entstehen, das nach seiner Aufgabenstellung zurzeit noch ganz nüchtern „Versorgernetz“ heißt. Es soll für die Teilnehmer verbindlich die Kooperation aller an einer medizinischen Behandlung Beteiligten (niedergelassene Haus- und Fachärzte, Krankenhäuser, Reha, Pflege, Apotheke, weitere Dienstleister) regeln, um die medizinische Versorgung zu verbessern. Diese aus dem Medizinischen Qualitätsnetz Bochum (MedQN) heraus entstandene Initiative fand auf dem ersten Expertentreffen „Die Zukunft der Gesundheitsversorgung in Bochum“ im Kunstmuseum Bochum einhellige Zustimmung unter den rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Jetzt sollen als nächste Schritte Vereinbarungen für sektorübergreifende Verbundsysteme getroffen werden – als erstes Projekt wird für die Herzinsuffizienz (Herzschwäche) interdisziplinär, sektorübergreifend und mit  einem strukturierten programmierten Diagnose-/Behandlungs-/Versorgungs-Pfad ein Versorgerprogramm erarbeitet. Dabei kann auf gemeinsame Vorarbeiten des Medizinischen Qualitätsnetzes mit der Klinik für Kardiologie des St. Josef-Hospitals im Katholischen Klinikum Bochum, der Klinik für Kardiologie und Angiologie im Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil und der Klinik für Kardiologie im Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen, Bad Oeynhausen, aufgebaut werden.

Die Auftaktveranstaltung im Kunstmuseum repräsentierte bereits das breite Spektrum des Gesundheitsbereichs in Bochum mit Chefärzten und Repräsentanten örtlicher Krankenhäuser, niedergelassenen Medizinern, Wissenschaftlern der Hochschulen und Vertretern von Krankenkassen sowie Gesundheits-Dienstleistern und Medizintechnikunternehmen. Auch interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie Mitglieder des Patientenbeirates des MedQN waren gekommen. Grundsätzlich, das betonen die Initiatoren, ist die Mitwirkung am „Versorgernetz Bochum“ für alle im Gesundheitssektor Wirkenden offen. Birgit Fischer, prominente Bochumerin, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller und frühere NRW-Gesundheitsministerin, formulierte als Moderatorin am Ende der Talkrunde im Museum ihre persönliche Vision: „Ich wünsche mir, dass wir in der nächsten Zeit über Gesundheit in Bochum reden. Gesundheitswirtschaft und medizinische Versorgung als positive Faktoren für die Stadt sollen dazu beitragen, zu sagen ‚In Bochum lebe ich gerne‘.“

Einig war man sich im Saal darüber, dass der Gesundheitsstandort Bochum schon heute über eine hervorragende medizinische Infrastruktur verfügt, die auch für die gesamte Region Bedeutung hat. Das hatte zu Beginn auch Johannes Peuling, Leiter von medlands.RUHR, der städtischen Initiative zur Förderung der Gesundheitswirtschaft in Bochum, mit einigen Zahlen und Fakten belegt. Er erinnerte an die Forschungseinrichtungen an der Ruhr-Universität Bochum und auf dem neuen Gesundheitscampus Nordrhein-Westfalen sowie die Unternehmen im BioMedizinPark und BioMedizinZentrum Bochum. Über 100 Medizintechnikunternehmen haben in Bochum ihren Sitz. Im Gesundheitssektor arbeitet in Bochum etwa jeder sechste sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Johannes Peuling: „Es gelingt immer mehr, Bochum als Gesundheitsstandort zu etablieren. Und eine gute Versorgung ist ein wichtiger Standortfaktor.“ Trotz alledem, auch darüber war man sich einig, ist eine Verbesserung der medizinischen Versorgung nötig und möglich durch eine bessere Vernetzung aller Akteure. Denn an vielen Schnittstellen, auch das wurde deutlich, kann es zu Problemen kommen.

Erfahrungen aus der Kooperations-Praxis steuerten Detlef Friedrich, Geschäftsführer der Management- und Unternehmensberatung contec GmbH (Bochum, Berlin, Stuttgart, München), und Helmut Hildebrandt, Vorstand der Management- und Beteiligungsgesellschaft OptiMedis AG (Hamburg) bei. Die Qualität der medizinischen Behandlung sollte vom Patienten her gedacht werden, forderte Detlef Friedrich. Zum Teil gebe es noch haushohe Mauern zwischen Praxis und Klinik. Nach seiner Meinung gibt es kein Erkenntnisproblem in der Vernetzungsdebatte, sondern ein Umsetzungsdefizit. Es müsse klar sein, dass die Vernetzung in der Gesundheitsversorgung für die Beteiligten eine „völlige Kulturveränderung“ bedeute. Nach Helmut Hildebrandts Ansicht wird Gesundheit immer stärker ein „regionales Produkt“, da sich zentrale Organisationen in den vergangenen Jahren eher aus der Region zurückgezogen hätten. Hildebrandt setzt mit seinem Unternehmen auf Konzepte regionaler integrierter Versorgungssysteme, durch die die Versorgung der Bevölkerung messbar verbessert werden soll – auch durch Einbeziehung von Prävention. Sein „Leuchtturmprojekt“ ist das Projekt „Gesundes Kinzigtal“, ein Vertrag zur Integrierten Vollversorgung mit der AOK und der LKK in Baden-Württemberg, gestartet im Jahr 2006. Heute spricht Hildebrandt von Erfolgen für die Gesundheit der Patienten (u.a. niedrigere Sterberate) und die Kostenentwicklung (gesunken), wenn er über das Netzwerk im badischen Kinzigtal berichtet. Die OptiMedis AG hat inzwischen mit dem Medizinischen Qualitätsnetz Bochum eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, die aus den bisherigen Erfahrungen auch aus anderen Versorgungssystemen das für Bochum Passende erarbeiten soll. Dabei geht es um die Entwicklung von Vereinbarungen, die Nutzung von Software und Verhandlungen mit Krankenkassen.

Nach gut dreistündiger Rede- und Diskussionszeit über die Zukunft der Gesundheitsversorgung in Bochum lobte Moderatorin Birgit Fischer „stolz“ das bisher Geleistete im Bochumer Gesundheitswesen und forderte dazu auf, die Vielfalt und Komplexität weiter zusammen zu führen. Dazu seien Plattformen wie die Experten-Gesprächsrunde und die Gesundheitsmesse Bochum hervorragend geeignet. Jetzt gelte es aber auch Verbindlichkeiten zu verankern. „Wenn ich ein Motto zu finden hätte, dann würde ich sagen: ‚Wissen und Erfahrung – woraus Zukunft wächst‘.“